Laudatio auf Katharina Schüttler von Thomas Ostermeier zur Verleihung des Ulrich-Wildgruber-Preises

Durch die Figuren, die sie spielt, auf die Menschen von heute blicken

von Thomas Ostermeier

Der Ulrich-Wildgruber-Preis soll ja bekanntermaßen an junge Schauspieler oder Schauspielerinnen verliehen werden, die auf besondere Weise in den Medien Theater und Film auf sich aufmerksam gemacht haben. Deswegen ist es für mich eine besondere Ehre, hier als jemanden, der aus dem Theater kommt, die Laudatio zu halten. Katharina Schüttler ist trotz ihrer jungen Jahre, und obwohl erst vor kurzem als beste Nachwuchsdarstellerin mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet, schon seit vielen Jahren in ihrem Beruf unterwegs und hat ihre erste große Kinorolle bereits mit elf Jahren gespielt. So jung, und so vielfach ausgezeichnet und beschrieben, könnte man frei nach Karl Valentin sagen: „Es ist zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von Allen.“

Sie ist eine Schauspielerin, die zwei Dinge auf besondere Art und Weise miteinander verknüpft. Auf der einen Seite ihre mädchenhafte, zerbrechliche, und mitunter oft auch undurchdringliche Erscheinung. Auf der anderen Seite ihre Ausstrahlung als selbstbewusste und selbstbestimmte junge Frau, die sich trotz ihrer Zerbrechlichkeit in einer Umwelt, die sich durch Härte und Konkurrenzkampf auszeichnet, durchzusetzen weiß.

Messerscharfe Analyse, instinkthafte Intuition
Diese Mischung macht sie zu einer einzigartigen Schauspielerin. Das brachte mich dazu, nachdem sie bei uns am Haus in dem Stück „Das kalte Kind“ von Marius von Mayenburg in der Regie von Luk Perceval gespielt hat, sie für eine der faszinierendsten, wenngleich auch herausforderndsten Rollen der zeitgenössischen Dramatik zu besetzen, nämlich für Kate in „Zerbombt“ von Sarah Kane. Wäre ich ihr nicht begegnet, hätte ich das Stück nicht gemacht.

Ich erinnere mich noch, dass ihre beiden Partner – immerhin der leider viel zu früh verstorbene Ulrich Mühe und Thomas Thieme – sie von Beginn der Proben an als eine gleichrangige Partnerin behandelt haben. Katharina spielte in dem Stück ein stotterndes, minderjähriges Mädchen aus der englischen Arbeiterklasse, das von dem 40jährigen Journalisten Ian – von Ulrich Mühe gespielt – missbraucht wird. Trotz der Handicaps und der kaputten Verfassung der Figur gelang es Katharina, dieser jungen Frau eine große innere Würde zu geben und fern aller Klischees, die dieses Milieu als Gefahr in sich birgt, einen unangestrengten und selbstverständlichen Ausdruck zu finden. Ich denke, dass dies eine der bemerkenswertesten Eigenschaften an ihr ist, nämlich, dass sie nie etwas spielt, was nicht von ihr selbst oder der Beobachtung ihrer Umwelt ausgeht, dass sie sozusagen nie mit ungedeckten Schecks bezahlt, sondern eben bar.

Ich kann mich tatsächlich nicht erinnern, dass ich von ihr je einen falschen Ton oder eine hohle Pose gesehen hätte. Ich habe das Gefühl, dass sie das gar nicht hinkriegen würde, selbst wenn sie dies versuchte, ganz so, als ob so etwas all ihren Instinkten zuwiderlaufen würde. Ich glaube, Katharina ist der seltene Glücksfall einer Schauspielerin, für die messerscharfe Analyse und instinkthafte Intuition keine Gegensätze sind, sondern sich notwendig ergänzen.

Geschmeidiger, raubtierhafter Engel
Die Eleganz und Leichtigkeit ihrer Bewegung, das Gefühl, das sie vermittelt, dass sie auf der Bühne zu Hause ist, dass sie den Ort im wahrsten Sinne des Wortes bewohnt; ihre geschmeidigen, raubtierhaften Bewegungen geben mir ein ums andere Mal das Gefühl, eher einer Tänzerin als einer Schauspielerin zuzusehen. Die Faszination, die von ihr ausgeht, weil man ihre Hülle gleich einem Engel von klirrender Schönheit nicht durchdringen kann, diese Illusion von Unnahbarkeit würde einen schnell vermuten lassen, dass Katharina Schüttler zu den Schauspielerinnen gehört, die es einem nicht leicht machen, mit ihnen zu arbeiten. Das Gegenteil ist der Fall.

Eines ihrer herausragenden Merkmale besteht in dem Unterschied ihrer eben beschriebenen Wirkung und dem, was für ein Genuss es ist, mit Katharina Schüttler zu proben und ihr als Mensch zu begegnen.

Ich glaube, wir teilen beide eine große Leidenschaft, die zunächst völlig selbstverständlich scheint, aber im Theateralltag leider nicht mehr so selbstverständlich ist: Wir beide proben gern. Das heißt, dass Katharina Schüttler wie Wenige mit einer großen Neugierde und Offenheit das aufsaugt, was man als Regisseur über die Situation einer Szene denkt und wie man diese aus allen nur erdenklichen Perspektiven hinterfragen und ausprobieren kann.

Wenn man sie so auf der Bühne sieht, könnte man meinen, dass alles, was sie tut, aus einer großen Selbstverständlichkeit und auch Selbstüberzeugtheit kommt. Doch das heißt für die Proben nicht, dass sie sich nicht immer wieder von neuem darauf einlassen würde, bereits eingeschlagene Wege zu verlassen, um andere auszuprobieren.

Rare Glücksmomente
Besonders deutlich wurde mir dies durch unsere zahllosen Gastspiele mit „Hedda Gabler“, das wir seit nunmehr fünf Jahren im Repertoire haben, und in der, von London bis Paris, von New York bis Caracas, um nur einige wenige Stationen unserer Tour zu nennen, Katharina die Hedda gespielt hat.

Auch der Blick des Regisseurs auf ein Stück kan