„Wenn ich etwas nicht richtig machen will, kann ich es auch lassen und lieber entspannt im Café oder am Strand sitzen und Avocadobrote schmieren “

Der freie Hamburger Journalist Jan Freitag im Gespräch mit Katharina Schüttler über den Fernsehfilm Schurkenstück und ihre Rolle als Bühnen- und Filmschauspielerin.

In Schurkenstück spielen Sie eine Theaterregisseurin, die mit jungen Häftlingen erfolgreich ein Stück auf die Bühne bringt. Ist das ein Märchen oder eine Option?

Es gibt zahlreiche Theater-Projekte in deutschen Gefängnissen. Neben den Erfahrungen, die Theatermacher und Gefängnisleitungen mit derlei Projekten gemacht haben, gab es einen regen Austausch der Drehbuchautoren mit den Machern des Theaterlabors der JVA Schwerte und den Verantwortlichen der JVA Siegburg, in der wir auch gedreht haben. Das ist übrigens die, in der drei Gefangene vor vier Jahren einen anderen in den Selbstmord gefoltert haben. Es gibt also solche Projekte, die mit viel Idealismus etwas Derartiges für Häftlinge auf die Beine stellen.

Und auf die läuternde Kraft des Schauspielens vertrauen.

Theater und Film können den Jungs in dieser prekären Situation zumindest ein Selbstbewusstsein jenseits archaischer Knasthierarchien verleihen. Zudem das Gefühl, auch von außen gesehen, gehört, ernst genommen zu werden, eine Wertigkeit als Individuum in dieser Institution Gefängnis zu erlangen, denn man steht ja trotz des Ensembles doch recht allein mit sich auf der Bühne. Das drückt sich ganz banal auch darin aus, dass Leute von draußen kommen, dafür zahlen und am Ende applaudieren.

Das Publikum entscheidet übers Selbstverwertgefühl.

Das und die Tatsache, dass man lernt, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, statt immer nur der eigenen genügen zu müssen. Selbst vor drei Leuten oder nur dem Regisseur gehört großer Mut dazu, nach vorne zu gehen und sich förmlich nackt zu machen vor völlig Unbekannten, mit all seinen Schwächen und Stärken, ohne die Chance, sich zu verstecken. Mut schafft Haltung.

Braucht man den Mut auch, wenn man wie Sie bereits mit elf Jahren ins Rampenlicht der Kamera tritt?

Der instinktive Spieltrieb eines Kindes senkt die Mut-Schwelle da ungemein. Es gibt solche und solche Elfjährige, aber bei mir stand von Beginn an das Spielerische im Vordergrund und hat mir die Angst genommen. Das fällt Volljährigen, besonders mit Biografien wie denen im Schurkenstück, natürlich schwerer. Ich bin vor die Kamera gehüpft und fand alles super. Außerdem stamme ich aus einer Theaterfamilie. Da hatte die Bühne für mich frühzeitig eine gewisse Normalität. Aber mein Mut entstand durch Spaß.

Und was hat das mit Ihnen angestellt?

Es hat mich früher erwachsen werden lassen. Selbst ein einziger Film in Zusammenarbeit mit Erwachsenen, sechs Wochen lang nur deren Kommunikation, deren Spielregeln – das lässt ein Kind in dem Alter ungeheuer reifen. Sicher gab es einen altersgerechten Umgang mit mir, aber letztlich funktioniert die Arbeit nur, wenn man alle nach den grundlegend gleichen Prinzipien leitet.

So was macht Kinder schnell überheblich.

Nicht automatisch. Ich hatte eine so große Angst davor, in der Schule als überheblich zu gelten, dass ich freiwillig praktisch nichts vom Filmen erzählt habe, obwohl es natürlich alle wussten. Ich glaube gerade dieses Schweigen wurde mir damals auch als Arroganz ausgelegt, mich für was Besseres zu halten und mich nicht mal dazu herabzulassen mit anderen drüber zu reden.

Haben Sie sich schon damals als Schauspielerin definiert?

Nur insofern, als ich wusste, das später machen zu wollen. Ich hatte unglaublich lange, selbst auf der Schauspielschule noch, Probleme, mich als Schauspielerin zu definieren. Das klappte eigentlich erst nach dem zweiten Stück am Schauspielhaus Hannover, als ich in der Kantine unter Kollegen saß und das dritte einstudierte.

Selbstfindung durch die Gemeinschaft?

Eher das vorherige Unvermögen, die Kriterien klar benennen zu können. Was macht einen zum Schauspieler – die Ausbildung? Quatsch! Filme machen? Ich hab ja nur einen pro Jahr gemacht! Talent? Schwer zu umreißen! Vielleicht war es am ehesten, dass ich plötzlich meinen Lebensunterhalt damit bestritten und die meiste Zeit damit verbracht habe.

Gab’s dazu eine Alternative, bei einem Schauspieler und Regisseur als Vater und einer Autorin als Mutter?

Meine Schwester ist Ethnologin, mein Bruder Architekt. Es gibt also ein mir vertrautes Leben abseits der Bühne. Ich bin auch nie gedrängt worden. Wenn ich BWL studiert hätte, um in die Wirtschaft zu gehen, hätte das womöglich die humanistischen Ideale meiner Eltern irritiert. Aber sie haben uns immer genau in dem unterstützt, was wir grad gemacht haben. Trotzdem war es sicher nicht unerheblich für mich, dass sie vom Theater kamen.

Das kann aber, wie bei Ihren Geschwistern, erst recht zu Abwehrreflexen führen.

Meine beste Abiturnote hatt