Katharina Schüttler über das Gefühl, die Rolle der Tosia Reich-Ranicki nicht allein gespielt zu haben, und über Szenen, die auf einmal eine ganz eigene Realität bekommen

„Ich habe die Ehre, diese Frau spielen zu dürfen“

Frau Schüttler, überall ist davon die Rede, dass das Leben Marcel Reich-Ranickis verfilmt wurde. Es ist aber auch das Leben von Tosia Reich-Ranicki – oder?

Ja, absolut. Es ist die Geschichte von beiden. Ab dem Punkt, wo sie sich zum ersten Mal begegnet sind, sind sie gemeinsam durchs Leben gegangen. Ich habe das Gefühl, dass die beiden durch das, was sie erlebt haben, fest aneinander gebunden sind.

Regisseur Dror Zahavi lobt Sie dafür, dass Sie aus einer Figur, die kaum Text hat, eine unglaublich starke, dominante Frau gemacht haben. Wie haben Sie das geschafft?

Ich weiß es gar nicht. Vielleicht dadurch, dass ich das nie gesehen habe als: „Super, das ist ja eine Rolle mit fast keinem Text, da muss ich ja nichts lernen heute.“ Ganz im Gegenteil. Ich habe Tosia als Person sehr ernst genommen und hatte einen unglaublichen Respekt davor, diese Rolle zu spielen.

Warum?

Weil Tosia eben jemand ist, der wirklich gelebt hat und noch lebt. Wir erzählen eine Geschichte, die so stattgefunden hat. Ganz elementar dafür war auch die Begegnung mit Tosia und Marcel Reich-Ranicki. Dass man vor diesen Menschen steht und das, was im Drehbuch steht, auf einmal so eine Realität bekommt. Und letztlich ist es ja auch egal, ob ein Mensch etwas sagt oder nicht. Wichtig ist, dass er da ist. Denn wichtiger als das, was ein Mensch sagt, ist oft das, was er tut.

Haben Sie von der Frau, die Sie kennengelernt haben, Rückschlüsse auf die Tosia der Zeit ziehen können, in der „Mein Leben“ spielt?

Man kann es natürlich nur für sich erahnen. Aber ich muss sagen, ich war von Marcel und Tosia Reich-Ranicki wirklich fasziniert. Auch von den beiden als Paar. Ganz wichtig war, dass ich bei unseren Treffen ein Gefühl für diese Menschen bekommen habe. Eine Ahnung. Etwas, das sich gar nicht rational beschreiben lässt, sondern das man auf einer ganz anderen Ebene mitnimmt und vielleicht dann beim Spielen in sich trägt. Was einen begleitet. Als Tosia zum Abschied unserer ersten Begegnung meine Hand gehalten und mir gesagt hat, dass sie sich freut, dass ich sie spiele, war das sehr berührend. So berührend, dass ich gedacht habe: Ja, ich habe die Ehre, diese Frau spielen zu dürfen. Eine Frau, die mir gerade mit ihren über 80jährigen Augen in die Augen schaut – mit einem Blick, der so viele Dinge gesehen hat, die unvorstellbar sind.

Das hat Ihr Spiel gewiss sehr beeinflusst?

Ich hatte bei den Dreharbeiten immer Fotos von Tosia in der Tasche und in der Maske. Aus der Zeit, als sie jung war. Das hat mir in Verbindung mit der alten Frau, der ich begegnet bin, den Menschen sehr nahe gebracht. Bei frei erfundenen Figuren holt man ja alles aus sich selbst raus. Und in dem Fall war es auf einmal so, dass es da einen Menschen gibt, der einen an die Hand nimmt und das mit einem spielt. Ich hatte das Gefühl, beim Spielen dieser Rolle nicht alleine, sondern immer mit Tosia zusammen zu sein.

Sie sprachen vorhin von Dingen, von Situationen, die eigentlich unvorstellbar sind. Wie begibt man sich als Schauspielerin dort hinein?

Man kann es nur versuchen und es einfach tun. Die eigene Vorstellung auch einer eigentlich unvorstellbaren Situation kann einem wahrscheinlich immer nur eine Ahnung der möglichen Empfindung der realen Situation geben. Ich glaube aber, dass man sich beim Drehen so sehr auf eine inszenierte Situation einlassen kann, dass diese inszenierte Situation eine eigene Realität bekommt.

Können Sie dafür ein konkretes Beispiel nennen?

Nehmen wir die Szene, in der Tosia und Marcel kurz vor der Deportation fliehen. Als wir das zum allerersten Mal geprobt haben, gingen Matthias und ich auf einmal in diesem Zug von Ich-weiß-nicht-wie-vielen-Komparsen und der Wegesrand war gesäumt von Menschen in Nazi-Uniformen mit Waffen in den Händen. Das war ganz seltsam, was mich da plötzlich ergriffen hat. Vielleicht eine Ahnung davon, was das damals für ein Gefühl gewesen sein muss. Für einen Moment wurde plötzlich ein Instinkt wach, der einen geradezu in diesen Hausflur trieb. Einfach nur in den Hausflur rein und dann in den Hof. Wir sind schneller weggerannt, als ich überhaupt laufen kann. Das ließ sich später so nicht mehr wiederholen, als der Verstand wieder eingeschaltet war.

Wie war die Zusammenarbeit mit Matthias Schweighöfer?

Es war wirklich außergewöhnlich toll mit Matthias. Er ist unheimlich professionell und dabei doch sehr humorvoll und leicht. Wir haben auch großen Spaß gehabt bei diesem Dreh, was sich, glaube ich, trotz dieses ernsten Themas nicht ausschließt. Es hatte eine gewisse Leichtigkeit, und trotzdem war immer Respekt und Achtung im Umgang mit dem dabei, was wir gerade erzählten und spielten. Hinzu kam, dass Dror Zahavi ein ganz toller Regisseur ist, der exzellent erzählen kann. Man kann Dror sehr ve