Ich mag Dinge, die mich fordern

Von Andrea Niederfriniger/Ricore Text

Die Rolle einer verlassenen Tochter, deren Mutter plötzlich verschwand und als RAF-Aktivistin in den Untergrund ging, war für Katharina Schüttler eine der anstrengendsten ihrer Karriere. Im Interview berichtet die Nachwuchsschauspielerin von den Dreharbeiten mit Iris Berben zu „Es kommt der Tag“, den Widerstand der 1968er-Generation und das sinkende politische Engagement der heutigen Gesellschaft.

Ricore: Sie verkörpern eine radikale Figur mit viel Wut und Enttäuschung. Wie ging es Ihnen dabei?

Katharina Schüttler: Es war wahnsinnig anstrengend. Es war so anstrengend, weil diese Figur nie entspannt ist. Völlig absurd. Sie hat immer einen Stock im Rückgrat, ist immer auf Spannung. Sie ist immer wachsam, immer total gespannt. Sie hat so eine Grundspannung. Das ist total anstrengend. Sonst spielt man ja immer normale Menschen, die dann in brenzlige Situationen kommen. Aber im Grunde haben sie ja eine Entspannung wie du und ich. Dadurch, dass sie immer wie ein Tier auf der Lauer ist, war das total anstrengend. Es war auch anstrengend, diese Konzentration zu halten. Das ging so einher. Einerseits dieser mentale Fokus, den sie hat, aus dem heraus ja auch diese physische Haltung kommt, diese physische Grundspannung. Das hat dazu geführt, dass es kontraproduktiv war, in der Pause abzuschlaffen. Ich hab bei keinem Film so wenig mit Teamkollegen gescherzt oder Späße gemacht am Set. Auch Iris Berben und ich haben uns nicht angenähert. Wir haben das immer benutzt. Wir konnten in der Pause nicht zusammen Tischtennis spielen und dann eine Szene drehen.

Ricore: Dann ging das fast schon in Richtung Method Acting?

Schüttler: Das weiß ich nicht genau. Vielleicht ist es ein Teil davon. Zumindest so, dass man gemerkt hat, man braucht gerade wahnsinnig viel Raum und Konzentration, um diese Spannung halten zu können. Man kann nicht von morgens um sieben bis abends um neun konstant unter Spannung sein, sechs Wochen. Das ist ja absurd.

Ricore: Sie haben eine Vorliebe für radikale Rollen. Was fasziniert Sie so an diesen außergewöhnlichen Figuren?

Schüttler: Am Schauspielern ist ja das Tolle, in Leben zu springen, Dinge zu tun und auszuloten. Je extremer, desto mehr passiert, desto mehr gibt’s zu entdecken. Bei sich selbst, in einem Menschen, in einer Figur. Desto mehr hat man zu spielen, und desto abenteuerlicher und aufregender wird es. Das ist wahrscheinlich so wie ein Reisejournalist, der entweder nur Berichte über Süddeutschland macht oder aber der sagt, ich würde auch gerne mal nach Übersee.

Ricore: Dann sind Sie in dem Sinne eine Abenteurerin, eine Entdeckerin?

Schüttler: Ja, vielleicht. Ich weiß gar nicht, ob das so das passendste Bild ist, aber auf jeden Fall mag ich mich nicht ausruhen auf Dingen. Ich mag gerne Dinge, die mich fordern. Ich mag auch manchmal gerne, fast überfordert zu sein und an Grenzen zu kommen, weil das Gefühl so toll ist zu merken, dass man Grenzen auch überschreiten kann und verschieben kann. Und sich in Bereiche zu begeben, die unbekannt sind.

Ricore: Haben Sie schon einmal erlebt, dass Sie so eine Grenze überschritten haben und dann nicht mehr zurück konnten?

Schüttler: Nee, das gar nicht. Es ist eher so, dass sich Räume öffnen, die Möglichkeiten größer werden, oder das Verständnis von Dingen. Man kann es gar nicht so in Worte fassen.

Ricore: Haben Sie sich im Vorfeld mit dem Thema der 68er Generation auseinander gesetzt?

Schüttler: Ja. Ich hab eh vorher schon viel gelesen gehabt. Ich wollte eher was kapieren über die gedankliche Struktur, wie das funktioniert hat. Davon ist viel in Alice drin, da setzt sich eigentlich was fort. Deswegen fand ich das unheimlich spannend. Ich habe von Gudrun Enßlin Briefe gelesen, die sie am Ende ihrem Bruder und ihrer Schwester geschrieben hat. Aber auch von Kindern gelesen, die selbst ihre Eltern nicht mehr miterlebt haben, weil die entweder im Knast waren oder im Untergrund. Ich habe einen Dokumentarfilm über einen Terroristen gesehen, der lange im Untergrund war und jetzt in Frankreich lebt. Also schon relativ viel. Aber gar nicht, weil ich dachte, ich will die Geschichte von Judith verstehen, ich will einfach verstehen, mit was man als Kind konfrontiert war, mit was für Eltern.

Ricore: Können Sie den Satz verstehen oder nachvollziehen, den Judith im Film gesagt hat: „Die heutige Generation macht es sich einfach, das zu verstehen?“

Schüttler: Klar macht man sich’s einfach, wenn man etwas nicht aus dem Kontext der Zeit heraus sieht, sondern immer von seinem Standpunkt. Es war halt eine andere Zeit.

Ricore: Wie hätten Sie denn in der damaligen Zeit reagiert?

Schüttler: Gute Frage. Das weiß man ja auch nicht. Ich kann mir schon vorstellen, dass ich irgendwie sympathisiert hätte. Es war ja damals Mode.

Ricore: Widerstand hat ja auch immer etwas Romantisch-Verklärtes.

Schüttler: Oder etwas Verpopptes. Es ist halt Mode. Wie eine neue Jacke, die schick ist. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie radikal ich dann gewesen wäre. Sowas