Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Süddeutschen Zeitung

Katharina Schüttler über Kindsein

Zwischen kindlich intonierter Alltagssprache und Übungssprache, zwischen Jugend und Erwachsensein – die Schauspielerin wandelt gerne zwischen den Welten.

SZ am Wochenende: Frau Schüttler, können wir mit Ihrer Stimme anfangen?

Katharina Schüttler: Sicher.

SZ: Als ich neulich nur Ihre Mailbox erreichte, fiel mir auf: Ihre Stimme ist auch für eine Schauspielerin außergewöhnlich.

KS: Wählen Sie noch mal, da klingt jetzt eine andere Stimme. … Und?

SZ: Gedämpfter. Kontrollierter.

KS: Kontrollierter?

SZ: Nicht mehr so in Micky-Maus-Tonlage.

KS: Ja?

SZ: Sie gelten als die neue große Schauspielhoffnung Deutschlands. Und Sie können sehr viel machen mit Ihrer Stimme. Werden Stimmen unterschätzt?

KS: Das deutsche Wort „Person“ kommt aus dem Lateinischen „personare – hindurchtönen“. Das finde ich einen interessanten Gedanken, dass die Person sich durch Klang offenbart. Und das funktioniert über die Stimme. Du kannst von der Stimme alles ableiten. Ob’s dir gut oder schlecht geht, wie wach oder müde du bist, ob du verängstigt oder bei dir und selbstbewusst bist, ob du gestresst bist oder nicht.

SZ: Ist Ihnen bewusst, dass Sie besonders klingen?

KS: Nein. Mir ist das in Porträts und Kritiken aufgefallen. Da wurde oft über meine Stimme geschrieben, sie sei „blechern“ oder was auch immer. Ich kann da gar nicht wirklich mitreden, weil sich meine Stimme von innen ganz anders anhört – so nah am eigenen Ohr.

SZ: Sie hören sich ja in Ihren Filmen.

KS: Im Film ist es so, dass man sich mehr sieht als hört. Man achtet nicht mehr so extrem auf die eigene Stimme, wie wenn man sie zum Beispiel im Radio, losgelöst vom Optischen, hört.

SZ: Ist Ihre Stimme von heute das Resultat langjähriger Theaterarbeit?

KS: Ich hatte das Glück, in Hannover am Schauspielhaus einer sehr guten Stimmbildnerin zu begegnen, die auch an der Schaubühne in Berlin unterrichtet, wo ich jetzt spiele. Sie hat mich irgendwann gefragt: „Merkst du eigentlich, wie du redest?“ Und nach den Übungen hat sie immer gefragt: „Hörst du das? Hörst du den Unterschied?“ Und ich habe immer geantwortet: „Nein, höre ich nicht.“ Aber ich bin immer wieder zu ihr hin. Es hat über zwei Jahre gedauert, bis ich sagen konnte: „Ich fange an, das zu hören.“

SZ: Den Unterschied zwischen Ihrer kindlich intonierten Alltagssprache und der Übungssprache?

KS: Ja. Es ist gar nicht so einfach, die Grenzen zu verschieben, an die man in der Auseinandersetzung mit sich selbst zwangsläufig stößt. Man kann nicht einfach entscheiden, anders zu sprechen, weil der Klang der Stimme eng mit der eigenen Persönlichkeit verbunden ist. Und wenn man mit einem Mal ein Bewusstsein dafür bekommt, wie man spricht, wird einem auch gleichzeitig eine Menge über sich selbst klar. Man begreift, dass man auch was anderes sein kann.

SZ: Auf der Bühne oder im Leben?

KS: Sowohl als auch. Im Theater hatte ich bis dahin immer nur Kinder gespielt. „Lolita“ war ein Kind. „Die Jungfrau von Orleans“ war bei uns keine große Kriegerin, sondern ein kleines Mädchen, das zum König kommt und in aller Naivität sagt: Hör mal König, ich weiß wie es geht! Und meine Stimmbildnerin hat mir klargemacht, dass die Kinderstimme ein Mittel ist, das ich bewusst einsetzen kann. Dass ich aber begreifen muss, dass ich auch anders, dass ich kein kleines Mädchen mehr bin, sondern es nur spiele. Plötzlich habe ich erkannt, dass es eine Masche von mir war, das kleine Kind zu spielen. Damit war ich immer am besten durchgekommen. Zum einen habe ich mich darin wiedererkannt, zum anderen war es das, was man von mir erwartete. Auf kindliche Art durchs Theater zu hüpfen, verschafft einen unglaublichen Bonus und damit einen Freiraum. Die Leute mögen dich und wollen dich beschützen. Alles wird einfacher.

SZ: Und Sie erlagen sich selbst.

KS: Und zwar so lange, bis ich erkannte: Ich bin 24 und kann nicht immer spielen, dass ich 15 bin. Das Selbstbewusstsein muss sich ändern. Ich kann zwar immer noch Kinder spielen, aber mir muss klar sein, dass es eine Rolle ist. Daraus auszubrechen erfordert eine Menge Mut.